Donnerstag, 5. Juli 2012

Video von meiner Lesung im Pflegeheim

Eine Begleitperson machte einen Mitschnitt. Auch wenn das Material nicht sehr gut war, so bin ich doch sehr dankbar, dass ich es zur Verfügung habe. Es ist eine schöne Erinnerung für mich und vielleicht ja trotzdem auch ein Anstoß ...

Leider fehlt der Anfang, die Begrüßung und der Einstiegs-Walzer (um den mir ein bisschen leidtut, weil der wirklich super ankam) und musste auch die Pendeluhr gestückelt werden. Natürlich habe ich auch sonst einiges herausgeschnitten. Aber 10 Minuten sind eh lang genug ...

Mein Mann meinte, dass leider die Stimmung nicht so herauskommt, wie sie vor Ort war. Ich glaube, das liegt daran, weil man die Damen fast nicht sieht und die ja eher nonverbal kommunizierten.
Aber wie gesagt, eine sehr schöne Erinnerung und ein bissl was sieht man ja doch ...

lesung frauenkirchen

 

Mittwoch, 13. Juni 2012

Lesung "In der Umarmung des Vergessens"

Am 12. Juni war es so weit, ich hatte meine erste Lesung vor Zielpublikum, in dem mir bis dahin unbekannten SeneCura Sozialzentrum Frauenkirchen. Das Literaturhaus Mattersburg hatte mich im Rahmen seiner Veranstaltungsreihe "Literatur auf Rädern" dafür angefragt.

Die Zusammenarbeit im Vorfeld war bereits höchst angenehm. Die Betreuer waren sehr interessiert und entgegenkommend.

Selbstverständlich setzte ich mich nicht an einen Tisch für meine Lesung. Ich wollte beim Lesen auf die Menschen zugehen, Augenkontakt suchen, sie eventuell - wenn möglich - sogar berühren. Zu diesem Zwecke bildeten wir einen Halbkreis für die schon etwas fortgeschritteneren Fälle.

Die Lesung fand in der Kapelle des Hauses statt und vielleicht war das ein bisschen ein Nachteil. Nicht alle Insassen verließen ihren Wohnbereich. Ich kenne das von meinen Angehörigen, wenn etwas extern veranstaltet wird, ist die Barriere zu groß.
Andererseits war es wahrscheinlich genau die richtige Größe für die Gruppe, um nur ja jeden einzeln zu erreichen.

Ich war schon etwas früher dort, um alles in Ruhe vorbereiten, mich auf den Leseraum einspüren zu können.

Lesung frauenkirchen

Und so waren es sehr bewegende Augenblicke für mich, als die ersten Gäste eintrafen. Von ihren Betreuerinnen im Rollstuhl hereingeschoben oder an der Hand hereingeführt wurden. Nur drei oder vier konnten noch ohne Hilfe ihre Plätze einnehmen. Ich begrüßte jeden einzeln mit Handschlag und wurde beinahe enthusiastisch aufgenommen.

Nach der Begrüßung begann ich mit meinem Walzertanz.
Und ich merkte sofort, dass der Funke sprang!
Ich wiederholte den Refrain öfter als geschrieben und drehte mich zu allen Seiten. Und ja, sie wippten tatsächlich mit!

Dann die Pendeluhr, auch hier war noch Schwung und Bewegung drinnen.

Eigentlich begann ich dann erst mit der "Lesung".
Aber da war das Interesse der HörerInnen schon gut bei mir.

Ich kann sagen, die Lesung war genauso, wie ich sie mir vorgestellt, mir gewünscht hatte.
Ich suchte immer Augenkontakt, ging auf die einzelnen Hörerinnen zu (in der ersten Reihe saßen keine Männer - es waren ja überhaupt nur drei da) und las sie direkt an. Ich unterstützte mit Körpersprache.

Und ich merkte deutlich, wie sehr sie dabei waren. Manchmal sagten sie auch etwas dazu. Wiederholten ein Wort oder eine Zeile. Kopfnicken war das Mindeste.
Einzig der Herr in der zweiten Reihe gähnte immer laut. Aber er schien auch verschnupft zu sein, hielt sich dauernd ein Taschentuch vor die Nase ...

Dann bekam eine der Damen Durst und verlangte nach Wasser. Da machten wir alle eine kleine Trinkpause.

Gestärkt ging es dann ins Finale. Und es war wie vorher. Das Interesse war da und wir hatten einen guten Draht zueinander.
Zuletzt las ich dann noch Wichtig! und dabei ging ich wirklich bei jeder Zeile zu einer der Damen und las sie direkt an. Das war so, ja wichtig! Und wirklich unglaublich berührend.

Zu guter Letzt verabschiedete ich mich wieder per Handschlag und fragte natürlich auch, wie es gefallen hatte. Und von den Antworten und Reaktionen werde ich noch lange zehren.

Ja, das Projekt hat sich gelohnt! Und ich kann es wirklich nur jedem empfehlen, sich ein bisschen mit alten Menschen auseinanderzusetzen und zu beschäftigen! Da bekommt man sehr viel zurück!

lesung frauenkirchen

Sonntag, 10. Juni 2012

In meinem Garten/in my garden

in meinem garten

Und Danke Beatrix Brockman für diese wunderschöne Übersetzung!

in my garden


 

Freitag, 8. Juni 2012

Sonntag, 3. Juni 2012

DemPoem englisch - In my garden

Ich danke Eva Grill und Beatrix Brockman für Anregung und Hilfe
bei der sprachlichen und lyrischen Übernahme meines DemPoems
In meinem Garten ins Englische


In my garden

in my garden
i have a lawn
and in my lawn
there’s grass

in the grass
there’s daisies
delicate and white

in the grass
there’s dandelion
yellow and stout

but soon
there will be
dandelion
in the grass
lacy and white

and like a feather
it will travel on my breath

into the grass
of my lawn

in my garden


© evelyne w.
Übersetzung: Beatrix Brockman


lintschi liest


Sonntag, 27. Mai 2012

Prominentenmund

"Wenn man sich nicht mehr erinnern kann, dann lebt man nicht mehr richtig!" Klaus Maria Brandauer

"Sachlich gesehen gibt es keinen Grund für ein Baby. Aber wenn einmal die Mamahormone einschießen, möchte man nie wieder kinderlos sein." Sonya Kraus

Zwei Aussagen, die ich heute in einer Zeitschrift auf aufeinanderfolgenden Seiten gelesen habe.

Selbstverständlich hat mich die Aussage von Herrn Brandauer sofort auf die Barrikaden gerufen.
Ich finde es äußerst verhängnisvoll und abwertend, wenn man einem Menschen, dessen geistige Kraft nicht voll funktionsfähig ist, das Leben abspricht. Für mich ist das grundsätzlich faschistoides Gedankengut. Es wird ein Wertmaßstab angelegt, welches Leben lebenswert ist ...

Man erinnert auch im Bauch. Und dort wesentlich nachhaltiger und wichtiger als sonst wo. Gefühle zu erinnern, Gefühle zu erfahren gehört zum Menschlichsten überhaupt. Dafür braucht es keine gedankliche Leistung.
Und es wundert mich dann natürlich nicht, dass Herr Brandauer Angst vor dem Gedächtnisverlust hat. Wenn er seiner emotionalen Grundlage nicht vertraut, die Wissensqualität über die emotionale Qualität seines Lebens stellt.

Ich habe in der Einleitung zu meinem Buch geschrieben, dass ich bei der Arbeit an diesem Buch die Angst vor der Demenz verloren habe.
Ich weißt gar nicht genau, wieso das so ist, aber wenn ich das lese, denke ich, dass es daran liegt, dass ich mich Krankheiten, und damit auch der Demenz, emotional zuwende. Sie nicht rational be- oder abhandle. Und natürlich auch nicht die Kranken.

Und hier komme ich zum zweiten Zitat, das ja auf den ersten Blick so gar nix mit dem ersten zu tun zu haben scheint.
Aber Frau Kraus hat es wunderbar ausgedrückt. Wenn wir das Leben nach sachlichen Kriterien einstufen, bleibt uns viel emotionale Qualität verschlossen.
Und bevor wir nicht selber in der Lage sind, unser Leben mit Gedächtnisverlust zu erfahren, sollten wir uns keine Wertung anmaßen.

 

Donnerstag, 24. Mai 2012

Und noch ein Danke!

Auch bei icaniwill möchte ich mich herzlichst bedanken!

icaniwill

 


Samstag, 5. Mai 2012

Ich bedanke mich

bei der Redaktion des Alzheimer BLOGs
die mich als Mitautorin aufgenommen hat.

 

Montag, 30. April 2012

Links!

Ich freue mich so sehr über Veröffentlichungen, bzw. Verlinkung

im Demenz-Ratgeber.de

und auf ALLEN relevanten Seiten bei bestHELP

  • soziales.at
  • selbsthilfe.at
  • berater/innen.at
  • beratungsstellen.at


  • Es erscheint mir so wichtig, dass dieses Projekt propagiert wird, um damit eine breitere Sensibilisierung für diese Menschen zu erreichen.
    Selbstverständlich ist die Belastung der Angehörigen sehr groß, aber dass sich zum Thema Demenz nur Bücher finden, die sich mit der Verarbeitung durch die Angehörigen beschäftigen, finde ich dennoch ein wenig zu einseitig.

    Ein großes Danke geht an meine Linkpartner!
     

    Mittwoch, 18. April 2012

    Sonntag, 8. April 2012

    Donnerstag, 5. April 2012

    Und jetzt das Buch!

    Es wird ein Buch geben! Für dieses, mein Herzensprojekt!
    Illustriert mit den Bildern aus meinem Acryl-Zyklus "Griselinas - Dementia"
    Meine Freude ist riesengroß!

    Veröffentlichung 25. April 2012

    in der umarmung des vergessens

    Nähere Infos unter In der Umarmung des Vergessens

    Klappentext:

    Dementielles.
    Ein Wort. Ein Begriff, mit dem nicht jeder etwas anfangen kann.
    Ein Untertitel für eine Sammlung, die es bisher in dieser Art noch nicht gab.

    Es geht um Demenz. Das liegt wohl auf der Hand.
    Evelyne Weissenbach beschäftigt sich auf verschiedene Art und Weise mit dieser Thematik.
    Einerseits in kleinen Geschichten über Begegnungen mit demenzkranken Menschen.
    Andererseits in nachdenklichen Texten mit Validationshintergrund.
    In den Schreibpausen - Versuche, ihre Gefühle mit dem Pinsel auszudrücken.

    Doch dann kommt das bisher Einzigartige dazu.
    Auf der Suche nach Texten, die sie bei einer Lesung in einem Pflegeheim verwenden könnte, musste die Autorin feststellen, dass es für diese Menschengruppe keine literarischen Texte gab.
    Darin sah sie eine große Herausforderung und eine schöne Aufgabe.
    Und sie schrieb
    Gedichte und Kurzprosa FÜR Demente.
    Um jenen Menschen kleine Erinnerungen zu bescheren, die in der Umarmung des Vergessens leben.

    Dementielles.
    Ein Wort. Ein Begriff, der Berührendes beinhaltet.

     

    Dienstag, 3. April 2012

    MemMini No. 09
    Gestrickt

    Als ich ein Kind war ...

    wurden Pullover nicht gekauft, sondern selbst gestrickt.
    Allerdings nicht aus teurer schicker Wolle.
    Es wurden alte Pullover aufgetrennt.
    Wir wickelten die Wolle vor dem Waschen auf ein Brett.
    Damit sie wieder glatt wurde.

    Und nach und nach bekam jeder in der Familie
    auf diese Art einen neuen Pullover aus der immer gleichen Wolle.

     

    Dienstag, 27. März 2012

    DemPoem No. 14
    In meinem Garten

    ist eine Wiese
    Auf meiner Wiese
    wächst das Gras

    Im Gras
    wachsen die Gänseblümchen
    zart und weiß

    Im Gras
    wächst auch der Löwenzahn
    kräftig und gelb

    Doch irgendwann
    steht dann
    im Gras
    der Löwenzahn
    zart und weiß

    Und luftig leicht
    blas ich ihn leis

    in das Gras
    auf meiner Wiese

    In meinem Garten

    © evelyne w.



    lintschi liest

     

    Mittwoch, 21. März 2012

    MemMini No. 08
    Der heiße Ziegelstein

    Als ich noch ein Kind war ...

    wurde oft nur in der Küche geheizt.

    Das ganze Jahr brannte dort ein Feuer im Herd.
    Der Herd hatte eine Wanne, in der immer heißes Wasser war.
    Und eine Röhre, in der im Winter Bratäpfel gebraten wurden.

    Im Schlafzimmer war es dann eisigkalt.
    Deshalb wurden in der Ofenröhre Ziegelsteine heiß gemacht
    in Zeitungspapier eingewickelt und den Kindern
    unter die Tuchenten geschoben.

    © evelyne w.

    Wieder eine kleine Übersetzungshilfe: Tuchent

     

    Sonntag, 18. März 2012

    DemPoem No. 13
    Mensch ärgere dich nicht

    Mensch
    ärgere dich nicht
    Mensch
    ärgere dich nicht
    Es ist nur ein Spiel!

    Ich würfle sechs
    Du würfelst drei

    Ich beginne rot
    Du wartest mit gelb

    Mensch
    ärgere dich nicht
    Mensch
    ärgere dich nicht
    Es ist nur ein Spiel!

    Du stehst vor dem Tor
    Und würfelst sechs

    Ich würfle drei
    Und werf' dich hinaus

    Mensch
    ärgere dich nicht
    Mensch
    ärgere dich nicht
    Es ist nur ein Spiel!


    © evelyne w.

    lintschi liest

     

    Montag, 12. März 2012

    MemMini No. 07
    Die Milchfrau

    Als ich ein Kind war ...

    gab es Milch noch nicht in Flaschen.
    Wir holten sie in Kannen von der Milchfrau.

    Auf dem Nachhauseweg tranken wir heimlich Schlückchen aus den Kannen. Die Mutter wusste es. Schwieg lächelnd.

    Außerdem kauften wir Butter und Käse bei der Milchfrau. Dekaweise wurden sie von großen Butter- oder Käselaiben geschnitten und in dünnes Wachspapier eingepackt.

    Oft wurde das Geld zu knapp. Dann ließ uns die Milchfrau anschreiben. Und schwieg verständnisvoll.

    Gern trafen sich die Frauen dort zu einem Plausch. Denn Neuigkeiten erfuhr man als erstes bei der Milchfrau.

    © evelyne w.

     

    Dienstag, 6. März 2012

    DemPoem No. 12
    Wiese du

    Wiese du
    leuchtest im Sonnenschein

    Wiese du
    duftest nach bunten Blumen

    Wiese du
    glänzt grün in meine Augen

    Wiese du
    klingst mir Bienengesumm

    Wiese du
    schaukelst im leisen Wind

    Wiese du
    duckst dich unter dem Regen

    Wiese du
    kitzelst die nackten Sohlen

    Wiese du
    erinnerst mich an Glück

    © evelyne w.

     

    Freitag, 2. März 2012

    MemMini No. 06
    In unserem Hof

    Diesmal ein MemMini als Poem.
    Und da wieder ein eher regionales
    auch mit Übersetzungshilfe: Häfen

    In unserem Hof

    In unseren Hof
    da kamen immer
    viele Leute

    Da kam
    der Scherenschleifer
    Scheren schleifen
    Messer schärfen

    Kam auch
    die Häferlflickerin
    Häfen und Pfannen
    löten und picken

    Und dann
    der Mann mit der Gitarre
    der "Junge komm bald wieder" sang
    und "La Paloma ade"

    Kleingeld in
    Zeitungspapier
    wurde ihm
    aus den Fenstern zugeworfen

    Und er sang weiter
    "Schön war die Zeit -
    So schön war die Zeit!"

    © evelyne w.


    lintschi liest

     

    Dienstag, 28. Februar 2012

    DemPoem No. 11
    Teppich klopfen

    Im Hof steht
    eine Klopfstange

    Komm
    Trag mit mir
    den Teppich hin

    Nimm auch mit
    Den Teppichklopfer

    Wir klopfen den Teppich
    Wir klopfen den Teppich

    Dann nehmen wir
    die Teppichbürste

    Wir bürsten den Teppich
    Wir bürsten den Teppich

    Und reiben den Teppich
    mit Schnee ein

    Und bürsten
    Und klopfen

    Bis
    der Teppich
    wieder rein


    © evelyne w.



    lintschi liest

     

    Sonntag, 26. Februar 2012

    MemMini No. 05
    Am Sonntag

    Als ich ein Kind war

    gab es nur am Sonntag Fleisch.
    Den Sonntagsbraten.
    Oder das Sonntagsschnitzel.

    Machten wir einen Sonntagsausflug packten wir unser Sonntagsessen ein und nahmen es im Rucksack mit.

    Das beste Gewand wurde für den Sonntag aufgespart.
    Und nur zu ganz besonderen Anlässen trugen wir ebenfalls unser Sonntagskleid oder den Sonntagsanzug.

    © evelyne w.

     

    Samstag, 25. Februar 2012

    Vom langen Leben

    Selbstverständlich mache ich mir auch abseits von lyrischen oder Prosatexten Gedanken über die Demenz.

    Lang leben wollen wir alle, aber nicht alt werden!

    Es ist noch nicht so lange her, da zog sich die Demenz noch nicht in so großem Aufkommen durch unsere Gesellschaft. Die Menschen wurden einerseits nicht so alt und andererseits waren auch die gesellschaftlichen Strukturen ganz andere. Alte Menschen lebten viel mehr in ihrem Familienverbund. Von dieser Position aus wurde die Demenz nicht so offenkundig. Und vielleicht gingen die Angehörigen damals mit ihr auch geduldiger, bzw. selbstverständlicher um. Die Individualität des Einzelnen hatte noch einen größeren Stellenwert in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

    Ich habe schon seinerzeit in meinem Buch "Lerne.Selbst.Lieben" die verhängnisvollen Zusammenhänge der propagierten Ewige-Jugend-Gesellschaft aufgezeigt. Wir Menschen in der westlichen Welt werden als Wirtschaftsfaktor be- und gehandelt. Und haben deshalb ganz andere spezifische Probleme als z.B. die Menschen in der Dritten Welt.
    Der Werbeslogan "Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut" ist bezeichnend für die Richtung aus der unsere Individualität über das kollektive Unbewusste gesteuert wird.

    Demente Menschen sind kein Wirtschaftsfaktor. Man kann ihnen nichts mehr verkaufen!
    Deshalb werden sie zu einer besonderen Randgruppe. Zu einer, die in der Öffentlichkeit keinerlei Rolle mehr spielt. Es gibt keine Werbung, keine Filme, keine Lobby, sie leben jenseits der Scheinwerfer und haben deshalb in der öffentlichen Meinung ebenfalls keinen "Wertfaktor".

    Das größte Geschäft ist mit der Angst zu machen!
    Menschen in Angst zu halten, dass sie nicht dazu gehören (wozu auch immer) ist die wirksamste Methode, sie zu Konsum zu nötigen.
    Und am besten eignet sich etwas, das im Prinzip nicht erreicht werden kann. Ewige Jugend z.B.
    Diese ist ein unerschöpflicher Born für Konsumzwang.

    Sämtlichem Anflug von Alterserscheinungen werden riesige Geschäftszweige gegenübergestellt.
    Ein unendliches Ersatzteillager an Körperersatz- oder Aufmotzteilen versucht dem Menschen vorzutäuschen, dass er sich vom Alterungsvorgang freikaufen kann.

    Nun kann man aber den Alterungsprozessen des Körpers sozusagen mechanisch noch einiges entgegensetzen. Gegen die geistigen alterungsadäquaten Verfallserscheinungen jedoch gibt es keine Ersatzteile. Obwohl die gigantische Pharmaindustrie uns auch hier in den Konsumzwang gaukelt.

    Es ist den meisten Menschen klar, dass im Alter die Haare grau werden, dass man die Zähne verliert, dass die Haut Falten bekommt und die Muskeln schlaffer werden. Dass auch manche Organe nicht mehr so klaglos arbeiten, sich die körperlichen Bedürfnisse ändern.
    Doch dass die geistige Leistung ebenfalls einem Alterungsprozess ausgesetzt ist und sich auch die geistigen Bedürfnisse ändern, das wollen Viele nicht wahrnehmen. Es wird versucht, die natürliche Alterung bereits in eine Krankheit umzuwandeln.

    Alter wird von uns heute sofort gleichgestellt mit Krankheit und/oder Demenz.
    Und beides passt natürlich in kein Zeitgeistkleid.

    Selbstverständlich ist es noch ein gewaltiger Unterschied von der altersbedingten Vergesslichkeit zur Demenzerkrankung.
    Aber durch diese krampfhaften Verschleierungsversuche der eher harmlosen Alterserscheinung gelangen wir dynamisch in den Sog, mit der Demenz nicht umgehen zu können. Weil wir nie lernen, uns auf altersentsprechende Situationen einzulassen, ihre positiven Seiten für uns zu entdecken.

    Der Fortschritt brachte uns auch eine durchschnittlich längere Lebenszeit.
    Der Alterungsprozess bekommt deshalb auch andere Dimensionen. Wir können uns wohl länger an Jahren "jung" erhalten, aber auch die Jahre des Alters haben sich vermehrt. Deshalb treten die altersbedingten Erscheinungen selbstverständlich auch langfristiger auf und sind durch die zunehmende Zahl länger lebender Menschen vermehrt präsent.

    Und unser Gemeinschaftsleben hat sich ebenfalls enorm gewandelt. Bei uns ist es heute fast nicht mehr möglich, die Familien über Generationen zusammen zu halten.
    Wir leben in einer ganz anderen Gesellschaftsstruktur. Kleine Familienzellen in Zwei- oder Dreizimmerwohnungen. Frauen und Männer berufstätig. Oder kosmopolitsch aufgeteilt.

    Bei uns ist es wichtig, dass es Pflegeeinrichtungen gibt.
    Weil man einige Personen eines Haushalt oft nicht unbeaufsichtigt lassen kann. Seien es Kinder, aber oft auch die alten Menschen.

    Es wäre ja auch besser, wenn die Kinder im Familienverbund aufwüchsen und nicht im Kindergarten und in der Ganztagsschule erzogen würden.
    Aber heute gibt es schon ein Pflichtkindergartenalter! Weil die Kinder in den Wirtschaftsprozess eingegliedert werden müssen.

    Also kommen die Kinder aus dem Haus und die Alten auch.

    Aber für die Kinder gibt es Programme - denn die haben "Wert" -, für die demenzkranken Alten nicht. Die Alten sind nur als "graue Panther" etwas wert, weil da sind sie ein Wirtschaftsfaktor, da kann man ihnen Jugendwahn verkaufen.

    Aber - was will man einem demenzkranken alten Menschen verkaufen?

    Ihn erreicht keine Werbung, kein Meinungsbilder, kein Zeitgeistflüsterer.
    Eigentlich ein paradiesischer Zustand ...

     

    Donnerstag, 23. Februar 2012

    DemPoem No. 10
    Kaffee

    Die Kaffeemühle
    zwischen den Knien
    So mahle ich meinen Kaffee
    Und ich drehe die Kurbel
    Rundherum
    Rundherum

    Der Wassertopf
    steht auf dem Herd
    Wartet auf den Kaffee
    Und ich drehe die Kurbel
    Rundherum
    Rundherum

    In meine Nase
    steigt der Duft
    von frisch gemahlenem Kaffee
    Und ich drehe die Kurbel
    Rundherum
    Rundherum

    Habe ich keinen Kaffee
    Nehme ich Feigenkaffee

    Und die Kurbel
    steht still

    © evelyne w.



    lintschi liest

     

    Mittwoch, 22. Februar 2012

    MemMini No. 04
    Schifferl versenken

    Als ich ein Kind war ...

    spielten wir "Schifferl versenken".
    Auf kariertem Papier setzten wir unsere Schiffe in die kleinen Kästchen.
    Streng geheim. Schützend legten wir die Arme vor unsere Flotte.
    Bei jedem Treffer gab es ein großes Hallo.
    Die Papierbögen wurden auf beiden Seiten genutzt.
    Und hatten wir kein kariertes Papier, dann zeichneten wir die Karos selber.

    Manchmal weinten wir, wenn ein Anderer gewann.
    Kinder können oft noch nicht so gut verlieren ...

    © evelyne w.

     

    Donnerstag, 16. Februar 2012

    Wichtig!

    wichtig

     

    Mittwoch, 15. Februar 2012

    DemPoem No. 09
    Regenbogen

    Regen fällt
    Sonne scheint
    Es steigt ein
    Regenbogen
    In den Himmel

    Blätter tropfen
    Wege glänzen
    Es steigt ein
    Regenbogen
    In den Himmel

    Wolken tanzen
    Winde streicheln
    Es steigt ein
    Regenbogen
    In den Himmel

    Ich geh' spazieren
    Und dabei steige ich
    Auf dem Regenbogen
    In den Himmel

    © evelyne w.

    lintschi liest

     

    Sonntag, 12. Februar 2012

    MemMini No. 03
    Locken

    Als ich ein Kind war ...

    flochten die Frauen ihr Haar zu Zöpfen.
    Legten sich Kränze um den Kopf.
    Haare lösen, Haare bürsten schenkte Augenblicke um durchzuatmen.

    Später wurden Locken modern. Kurze Locken, lange Locken.
    Aber öfter als einmal im Jahr
    reichte das Geld meistens nicht für den Friseur.
    Zum Dauerwellen wellen.
    Deshalb schliefen die Frauen so manche Nacht auf Lockenwicklern. Aus Metall!
    Denn Trockenhauben gab es nur beim Friseur. Einmal im Jahr.

    Doch wollten sie schön sein. Zwischen Arbeit und Sorgen.
    Wollten das Glück anlocken. Mit ihren Locken.

    © evelyne w.

     

    Freitag, 10. Februar 2012

    DemPoem No. 08
    Wichtig!

    Du bist wichtig!
    Dass es dich gibt

    Es ist wichtig
    dass man dich liebt

    Es ist wichtig
    dich anzusehen

    Ist so wichtig
    dich zu verstehen

    Dann
    ist es schön
    dass es dich gibt

    Ist es schön
    wenn man dich liebt

    Ist so schön
    dich zu sehen

    Es ist wichtig
    dich zu verstehen

    © evelyne w.

    lintschi liest

    Dieses Gedicht wird meiner Lesung auch den Namen geben:
    "Es ist wichtig, dich zu verstehen"

     

    Donnerstag, 9. Februar 2012

    MemMini No. 02
    Schürzenkinder

    Als ich ein Kind war ...

    trugen wir Schürzen.
    Die Kleider mussten geschont werden. Manche hatten nur eines.
    Ich trug Kleiderschürzen mit Rüschen an den Armen.
    Andere trugen Latzschürzen mit großen Schleifen auf dem Rücken.

    Alle Mädchen fanden sie lästig
    und freuten sich, wenn es ihnen gelang,
    einmal ohne Schürze zu entwischen.

    schuerzenkind

     

    Mittwoch, 8. Februar 2012

    DemPoem No. 07
    Deine Arbeit


    Arbeit
    macht das Leben süß

    Und
    Ohne Fleiß
    kein Preis

    Du
    hast viel gearbeitet

    Denn
    Ohne Fleiß kein Preis

    Wir wollten essen
    Wollten trinken

    Ohne Fleiß
    kein Preis

    Du
    hast dafür gearbeitet

    Damit wir essen
    Damit wir trinken

    Ohne deinen Fleiß
    kein Preis

    © evelyne w.


    deine arbeit - audio

     

    Dienstag, 7. Februar 2012

    Die Idee - Ergänzung

    Immer wieder werde ich darauf angesprochen, dass einerseits so viele Wiederholungen in den Gedichten sind. Knapper wär besser, meinen Viele. Andererseits sind die Geschichten so nett, aber da könnte man noch viel mehr hineinpacken.
    Es "fehlt" den Lesern so manches. Und meine Autorenkollegen hätten viele gute Ideen zur Ausschmückung.

    Ich glaube, hier zeigt sich ein wesentlicher Punkt, warum so viele Menschen Probleme mit Demenzkranken haben. Weil sie immer von der eigenen Warte ausgehen.
    Auch hier noch immer, obwohl ich versucht habe, mein Projekt und seine Zielgruppe so gut als möglich zu erklären.

    Umso länger diese Geschichten dauern, umso mehr beschrieben wird, umso weniger können die Dementen folgen! Sie hören ja nicht zu, in diesem Sinn. Also die Geschichte, die erzählt wird, ist dabei unerheblich.
    Es geht um Worte, Begriffe, die etwas in den Hörern auslösen. Aber eben immer nur vereinzelte Worte. Dieses Wort löst einen Ablauf in ihnen aus. Aber es nützt nix, einen Ablauf zu beschreiben. Sie haben ihre eigenen Abläufe dafür.
    Das ist ja die Schwierigkeit dabei, Demente zu verstehen ... wichtiger Bestandteil jedes Validationsprogramms.

    Wie schon oft ganz deutlich geschrieben, ist es für mich sehr wichtig, dass Demenzkranke nicht wieder zu Kindern gemacht werden. Und gerade hier liegt ein wesentlicher Unterscheidungspunkt. Der für das Verständnis so unbedingt wichtig ist:

    Kinder müssen erst lernen. Man kann ihnen etwas erzählen, das sie noch nicht kennen oder so noch nicht kennen, sie nehmen ihre Fantasie und bauen sich ein Filmchen. Umso mehr man erzählt, umso mehr können sie vielleicht dazu basteln. Sie lernen aus dem, was ihnen erzählt wird und aus ihrer Fantasie.

    Bei Dementen gibt es keine Fantasie, sondern Erinnerung. Eigene Erinnerung!
    Sie basteln keinen Film aus dem, was man ihnen erzählt, sondern aus dem was sie in sich finden.

    Deshalb hat es keinen Sinn, ihnen Abläufe vorgeben zu wollen, Sie verwirren diese Menschen nur.

    Begriffe müssen abgerufen und angesprochen werden und es muss ihnen Zeit gegeben werden, diese auch wirklich in sich zu finden und zuzuordnen. Umso mehr man darum baut, umso weniger können sie diese wichtigen Worte finden ...

    Es ist also kein Regress ins Kinderstadium, sondern eine Entwicklung, die aus ihren Lebenserinnerungen abgerufen wird! Selbst wenn sie sich vermehrt an ihre Kindheit erinnern, dann ist der Prozess aber ihrem Alter und ihrer Krankheit entsprechend und nicht dem Kinderstadium! Deshalb muss man mit diesen Menschen anders umgehen als mit Kindern, darf sie nicht zurückstufen, und dadurch herabwürdigen!

    Und unter diesen Gesichtspunkten schreibe ich diese Texte.

    Ich wiederhole, nicht weil mir nichts anderes einfällt und ich schmücke meine Geschichten auch nicht deshalb nicht aus, weil mir die Fantasie fehlt oder ich keinen größeren Wortschatz habe, sondern weil dies das Besondere an diesen Texten sein muss. Sonst könnte ich ja auch einfach nette Kurzgeschichten aus früheren Zeiten oder Kurzlyrik mit Erinnerungspotential verfassen.

    Feedback zu diesen Texten ist ausdrücklich erwünscht! Und gerne auch Kritik! Aber bitte die vorgenannten Punkte dabei zu berücksichtigen, Kürzungen in den Gedichten oder Ausschmücken der Geschichten anzuregen, sind kein hilfreicher Kritikpunkt.

    Danke!

     

    Montag, 6. Februar 2012

    MemMini No. 01
    Fernsehen

    Als ich ein Kind war ...

    gab es noch kein Fernsehen.

    Erst später kamen die großen Kisten, aus denen Bilder liefen.
    Schwarz-weiß.
    Hübsche Damen, die das Programm ansagten. Es gab nur eines.
    Das Bild war oft schlecht.
    Wir liefen mit der Antenne, der Libelle, im ganzen Zimmer herum.
    Die Nachbarn kamen. Zu uns. Weil sie noch keinen Fernseher hatten.
    Wir aßen Popcorn und salzige Erdnüsse.
    Um Mitternacht war alles vorbei.
    Die Bundeshymne erklang und dann
    gab es nur noch graues Rauschen.

    © evelyne w.

     

    Sonntag, 5. Februar 2012

    Die Idee - MemMini

    Bei der geistigen Vorbereitung einer Lesung bin ich auf eine weitere Facette gestoßen. Es gibt in diesem Hörerkreis Menschen in unterschiedlichen Stadien der Demenz.
    Man darf also nicht alle auf das fortgeschrittenste Stadium reduzieren. Es muss auch für die anderen etwas angeboten werden.
    Die weiter fortgeschrittenen Personen werden dabei einerseits einfach als Anwesende integriert. Können aber vielleicht sogar ebenfalls noch mit dem Vortrag, oder einzelnen Erinnerungsworten angesprochen werden.

    Deshalb werde ich meine Dementia-Poetry-Serie um eine Sparte erweitern:
    Die Memory-Miniaturen = MemMinis.

    Es handelt sich dabei um kurze einfache Prosatexte, die sich mit Erinnerungen aus längerfristig zurückliegenden Situationen beschäftigen.
    Um den Bogen besser vom Vortragenden zum Hörer schaffen zu können, wähle ich als perspektivischen Eingangssatz:
    "Als ich ein Kind war ..."

     

    DemPoem No. 06
    Waschtag ist!

    Und auch heute eine kleine Hilfestellung: Waschrumpel


    Waschtag ist!


    In der Waschküche
    dampft es warm
    Im Kessel kocht
    die Wäsche

    Wir gießen sie
    in den Waschtrog
    Und krempeln uns
    die Ärmel hoch

    Und wir waschen
    und reiben
    die Wäsche im Waschtrog

    Was nicht gekocht wird
    muss gerumpelt werden
    Dafür nehmen wir
    die Waschrumpel

    Und wir waschen
    und rumpeln
    die Wäsche im Waschtrog

    Dann holen wir
    die Kinder rein
    und stellen sie
    in den Waschtrog

    Und wir waschen
    und baden
    die Kinder im Waschtrog

    Und dann
    auch noch uns


    © evelyne w.

    waschtag ist - audio

     

    Donnerstag, 2. Februar 2012

    DemPoem No. 05
    Die Pendeluhr

    An der Wand
    hing meine Pendeluhr
    und schwang die Zeit

    Hin und Her. Her und Hin.

    Zu jeder Stunde
    sang meine Pendeluhr
    das gleiche Lied

    Ding Dong. Ding Dong.

    Von jedem Tag
    kann meine Pendeluhr
    erzählen. Vom

    Hin und Her. Her und Hin

    Ding Dong. Ding Dong.
    Ding Dong.

    © evelyne w.

    die pendeluhr - audio

     

    DemPoem No. 04
    Grenadier-marsch

    Diesmal was eher Regionales.
    Zum besseren Verstehen zwei Wikipedia-Links:
    Grenadiermarsch und Grammeln


    Grenadiermarsch

    Restl
    Essen
    Restl
    Essen

    Grenadier
    Marsch
    Marsch

    Knödel
    Restln
    Fleckerl
    Restln

    Grenadier
    Marsch
    Marsch

    Wurst
    Restln
    Grammel
    Restln

    Grenadier
    Marsch
    Marsch

    Restln
    Schmeckn
    Restln
    Schmecken

    Grenadier
    Marsch
    Marsch

    © evelyne w.

     

    lintschi liest

     

    DemPoem No. 03
    Im Tanzsaal

    Walzer tanz
    Walzer tanz

    Rechts herum
    Links herum

    Ich dreh mich
    Du drehst dich

    Rechts herum
    Links herum

    Hübsches Kleid
    Schöne Zeit

    Ich dreh mich
    Du drehst dich

    Rechts herum
    Links herum

    Walzer tanz
    Walzer tanz

    © evelyne w.

     

    lintschi liest

     

    DemPoem No. 02
    Mein Kind

    Ein Kind für mich
    Ein Sohn
    Eine Tochter

    Mein Kind bist du
    Mein Sohn
    Meine Tochter

    Kein Kind bin ich
    Für dich Sohn
    Für dich Tochter

    Bleib Mutter dir
    Sohn
    Bleib Mutter dir
    Tochter

    Bleib Vater dir
    Sohn
    Bleib Vater dir
    Tochter

    Mein Kind bleibst du
    Mein Sohn
    Meine Tochter

    © evelyne w.

     

    lintschi liest

     

    DemPoem No. 01
    Weiße Weihnachten

    Der Schnee fällt
    ganz weich
    Der Schnee fällt
    ganz sacht

    Der Schnee
    macht alles weiß
    Schneeweiß!
    Welche Pracht

    Schneeflockentanz
    im Kreis
    Zum Schnee
    die Sonne lacht

    Das Christkind
    lächelt leis
    Im Glanz
    der Weißen Weihnacht

    © evelyne w.

     

    lintschi liest

     

    Mittwoch, 1. Februar 2012

    Die Idee - DemPoem

    Am Beginn stand die Einladung.
    Die Einladung eines Pflegeheims, eine Lesung vor an Demenz erkrankten Menschen zu halten. Demenz in einem doch recht weit fortgeschrittenen Stadium.
    Zuerst war ich erschrocken. Nicht wegen der Lesung an sich, sondern ich dachte - WAS kann ich dort lesen? Meine Texte eignen sich dafür nicht.

    Die Betreuer meinten, darauf käme es nicht so sehr an, es wäre wichtig, WIE.

    Bei den Adventveranstaltungen, die ich dann besuchte, beobachtete ich genau. Die meisten der gut 20 Personen saßen dabei und schauten mehr oder weniger interessiert auf die Bewegung, die dort ablief. Den Wechsel der Pfleger, die ihre Texte vortrugen. Ihren Worten konnten sie offensichtlich nicht folgen.
    Die Musik kam gut an und - die Gebete! Denn die erkannten offensichtlich alle noch. Und viele konnten auch noch Teile davon mitsprechen.

    Ich erkannte, die Veranstaltungen waren liebevoll ausgerichtet, schienen mir jedoch nicht auf die Hörer abgestimmt.

    Und plötzlich drängte eine Idee in mir hoch.
    Es gibt Gedichte für Kleinstkinder, deren Bewusstsein ebenfalls noch nicht begriffsorientiert ist. Sondern Klang, Rhythmus und Emotion beim Vortrag den Zugang zu ihnen schaffen.

    Wieso gab es so etwas eigentlich nicht für jene Menschen, die am anderen Ende des Astes saßen?

    Ich wehre mich absolut gegen die oftmals vertretene Ansicht, alte Menschen würden wieder zu Kindern. Das ist einfach nicht so. Und nimmt diesen Menschen die Würde, die ihnen meines Erachtens, nach einem erlebten Dasein zusteht.
    Alte Menschen werden zu alten Menschen und zu sonst gar nix. Und es kann passieren, dass alte Menschen bestimmte Fähigkeiten, die sie im Laufe ihres Lebens erworben haben, aufgrund von Krankheiten wieder verlieren. Das ist eben so. Und nichts anderes!

    Das zu akzeptieren fällt vielen Menschen schwer. Weil sie ihre eigene Angst vor einem solchen abhängigen Zustand damit verdrängen wollen.
    Doch liegt es nicht gerade an uns, diesen Menschen ihre Abhängigkeit in Würde zu gestalten? Sie zu gleichwertigen Partnern zu machen? Indem wir unsere bewusst steuerbaren Handlungen dafür verwenden, uns auf ihre Augenhöhe zu begeben, um sie zu erreichen.

    Kinder müssen nun einmal von den Erwachsenen lernen. Das ist der Weg, den die Entwicklung nimmt. Aber alte Menschen müssen nicht mehr lernen, Sie müssen mit dem leben, das ihnen zur Verfügung steht, weil sie nicht mehr lernen können.
    Die Anerkenntnis dieser Konstellation müsste einen gesunden, mitfühlenden Menschen dazu auffordern, Hilfe auf dieser Ebene anzubieten und nicht auf der Ebene der Besserwisserei.

    Gibt es deshalb keine Gedichte für Demenzkranke?
    Weil Lyriker ihre Kunst nicht auf diese Augenhöhe absenken wollen?
    Weil Wortdrechselei und Sprachgewalt, sowie die Dichte eines schicksalsträchtigen Inhalts viel mehr Möglichkeiten bieten, den Intellekt oder den Gefühlsausdruck eines Autors zu bewundern? Wir nicht für Menschen schreiben, sondern für Anerkennung unserer vermeintlichen Genialität?
    Finden wir Schreiber alte und kranke Menschen unserer Kunst nicht würdig?
    Oder fehlt uns das Können, ohne den Schutzschild des Sprachschatzes Emotion ausdrücken zu können?

    Und es reifte der Entschluss in mir, diese Anregung zu verfolgen.
    Die Reduktion erschien mir plötzlich verheißungsvoll zuzuwinken. Hier zeigte sich eine enorme schreiberische Herausforderung, dachte ich. Denn ich wollte keine therapeutischen Texte schreiben. Sondern Gedichte.

    Ich stellte mir ein handwerkliches Grundgerüst auf.
    Es geht mir darum, dass diese Menschen nicht so leicht mit Sätzen zu erreichen sind. Da sie auch oft Begriffe nicht mehr richtig zuordnen, kann man also nicht über den Inhalt an sie heran.

    Es ist wichtig, in ihnen etwas zum Klingen zu bringen. Sei es durch einzelne Worte, die Erinnerung hervorrufen oder Schwingungen in ihnen auslösen. Durch Klang oder Rhythmus, oder Intensität der Wiederholung.
    Ein Sing-Sang wäre gut, aber natürlich möchte ich nicht LaLeLu oder Tralala verwenden.

    Also denke ich, die richtigen Ingredienzien wären

    • Einzelne bekannte Begriffe aus dem Alltag
    • nach Möglichkeit aus einem Alltag vor vielen Jahrzehnten
    • Wiederholungen
    • Klangbilder
    • Auch sollte viel Raum bleiben, um den Hörern Zeit zu geben, die Worte anzunehmen, sie zuzuordnen, um sie dann in der Wiederholung wieder zu erkennen
    • Der Inhalt sollte sich auf jeden Fall auf ein Erwachsenenleben beziehen
    • Die Texte sollten so einfach vorzulesen sein, dass sie jeder vortragen kann - vornehmlich Angehörige. Einfach einen Rhythmus ergeben, um sich dem Hörer widmen zu können, nicht dem Vortrag.

    Für eine öffentliche Lesung gab es natürlich noch besondere Punkte zu beachten.
    • Nicht von einem Standort aus lesen, sondern auf die Leute einzeln zugehen, sie direkt ansprechen
    • Blickkontakt suchen
    • Eventuell mit Bewegungen oder auch Gegenständen unterstützen

    Ja, und nun will ich einmal schauen, was aus meiner Idee wird. Werde ein bisschen herumexperimentieren.

    Und - bin für Anregungen sehr dankbar!

    Wenn jemand eine Idee hat für Begriffe, die ansprechen könnten, oder auch, wenn noch etwas wichtig erscheint, um verständlicher zu werden.
    Oder auch wenn jemand einen Link weiß, wo es doch Texte für Demenzkranke gibt. Vielleicht habe ich ja nur nicht gut genug gesucht ...

    Da würde ich mich sehr darüber freuen und danke schon im voraus dafür!